Tour de Vinziers – Carmen und Dierk unterwegs von Vinzier nach Vinzier und Vinzier

Texte und Fotos: Carmen Resech 

Schon vor Jahren fiel uns auf, dass es auf der Welt drei Ortschaften mit dem Namen Vinzier gibt und die Idee, diese drei Orte durch eine Radtour zu verbinden, nahm Gestalt an. Allerdings legte die Pandemie auch dieses Vorhaben vorerst auf Eis.

Der Besuch des unserem am nächsten gelegenen Vinzier, ein Ortsteil der Gemeinde Kasseedorf in Ostholstein, erfolgte im Juni. Die etwa 70 Kilometer legten wir ganz entspannt mit dem Fahrrad zurück. Erst auf den letzten Hügeln der Holsteinischen Schweiz kamen wir etwas in Verzug, aber schließlich fanden wir den Weg und trafen tatsächlich die Bürgermeisterin, Frau Voß, vor dem Vinzierer Feuerwehrhaus.

Frau Voß nahm sich lange Zeit für uns und wir hatten ein tolles Gespräch. Am Ende war sie sogar damit einverstanden, sich mit uns vor dem Vinzierer Ortsschild ablichten zu lassen.

Kurz darauf startete die diesjährige Tour de France in Dänemark – und kam auf der 10. Etappe durch das Vinzier in Frankreich. Dieser Ort liegt südlich des Genfer Sees und wir schätzen, dass wir bis dahin ca. 1.500 Kilometer mit dem Rad zurücklegen werden.

Inzwischen haben wir Kontakt mit der Bürgermeisterin des französischen Vinzier, Madame Girard, aufgenommen und haben heute die Antwort erhalten, dass wir willkommen sind.

Die Vorfreude wächst.

2. Teil: Vinzier – Vinzier – Vinzier

Die Idee, die drei Orte, die den Namen Vinzier tragen, mit einer Radtour zu verbinden, ist bei uns bereits im Jahr 2016 entstanden.
Und in diesem Jahr 2022 nun stehen alle Zeichen auf „Go“.
Herr Pareike, der Travenbrücker Bürgermeister, ist über unser Vorhaben informiert, trifft sich vorab mit uns zum Foto vor dem Vinzierer Ortsschild. Die extra für die Reise angefertigte geografische Karte hat er bereits gestempelt und signiert.

Radtour nach Vinzier, Ortsteil in Ostholstein

Im frühen Sommer haben wir die Gelegenheit, nach Ostholstein zu radeln. Die Strecke von 65 Kilometern sollte gut zu schaffen sein an einem halben Tag. Ein Treffen mit der Bürgermeisterin von Kasseedorf, Frau Voß, ist arrangiert. Über Geschendorf erreichen wir Pronstorf und stoppen an der Feldsteinkirche. Fasziniert von den Deckenmalereien aus der Renaissance-Zeit, die denen im Kloster Nütschau ähneln, verweilen wir eine ganze Zeit im Inneren. Unser Interesse weitet sich auf zwei Frauen aus, die Blumenschmuck in die Kirche bringen. Sie hatten die Schönheit vorher noch nicht bemerkt. Der weitere Weg führt bergan, wir nähern uns dem Bungsberg. An der Ruine der Ziegelei in Hartenkamp pausieren wir. Die Hügelfahrten, die dann folgen, haben wir etwas unterschätzt. Aber nach ein paar Schleifen fahren wir in das Dorf Vinzier in Ostholstein ein. An Höfen vorbei geht es hügelan. Rechterhand eine große Tennisplatzanlage. Das Dorf verteilt sich offenbar auf einer größeren Fläche als das Travenbrücker Vinzier. Und dann erreichen wir das prominent neben der Dorfkreuzung gelegene knallrote Feuerwehrhaus von Vinzier, vor dem uns Frau Voß schon erwartet. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde unterzeichnet und stempelt auch sie die Karte und erklärt sich bereit zum Foto vor dem Ortsschild. Frau Voß erzählt noch, dass sie insgesamt 7 Ortsteile im Ehrenamt betreut und Vinzier ein kleinerer davon ist mit ca. 60 Einwohnern. Anschließend radeln wir die kleinen Hügel in 3 Richtungen ab. Wir finden den Dorfmittelpunkt mit einer großen Linde bepflanzt und einen einen Fußballplatz am Ortsrand. Hier gibt es keine Straßennamen, sondern nur Hausnummern. Allerdings durchquert – wie bei uns – eine Buslinie den Ort und hält an den Bushaltestellen „Vinzier-West“ und „Vinzier-Ost“.

3. Teil: Radwanderung nach Vinzier, Kommune im Pays de Gavot, Haute-Savoie, Frankreich

Kurz nach der erlebnisreichen Radtour nach Vinzier in Ostholstein gibt es ein weiteres gutes Zeichen: die diesjährige Tour de France startet in Dänemark (also quasi bei uns um die Ecke) und kommt auf der 10. Etappe durch Vinzier in Frankreich!

Das ist der Ruf nach Aufbruch auch für uns: Die Wettervorhersage der nächsten Tage stimmt, die Fahrräder sind überholt und die Taschen gepackt. Am Samstag starten wir zunächst bis zur Elbefähre Zollenspieker. Noch vor dem obligatorischen Fischbrötchen werden wir von einem Rennradfahrer angesprochen, der nach einem Speichenschlüssel fragt. Nachdem sein Rad wieder für das Training zu den Hamburg Cyclassics einsatzbereit ist, müssen auch wir erzählen. Solche Gespräche geben dem Tag den Pfiff. Ein paar Dörfer weiter treffen wir an einem Mühlenteich auf einen Bräutigam in Zivil, der ein paar Stunden vor der Trauung bei schönstem Sonnenschein den Blick über den großen, wundervoll zurückhaltend dekorierten Garten am Teich schweifen lässt. Wir wünschen alles Gute, saugen die schöne Landschaft am Mühlengelände auf und nehmen den kleinen Umweg in Kauf, denn der Weg am Teich entlang ist gesperrt. Nachmittags geht es nicht nur durch wunderschöne niedersächsische Dörfer, sondern auch an bronzezeitlichen Hügelgräbern und in Wietzendorf an der „Wasserkunst“ vorbei.

Am nächsten Tag gibt es die ersten Irrungen und Wirrungen zum Wegeverlauf, aber schließlich finden wir die kleine Brücke über den Mittellandkanal und zum Campingplatz. Interessant ist es, dass wir mit unseren 2 Rädern und einem kleinen Zelt einen ganzen Camper-Stellplatz bekommen, für diesen auch den Preis für einen Camper bezahlen müssen und auf der Ecke von 3 großen Mobilen umstellt sind. Wir möchten hier gerne das Handy aufladen, aber die eingeforderten Stromkosten und Pfandeinbehalte sind uns dann doch zu hoch. Wieder ist das Glück auf unserer Seite und während wir noch beratschlagen, kommt eine Frau auf uns zu und bietet an, das Gerät über die Außensteckdose an ihrem Camper aufzuladen.

Am folgenden Morgen erreichen wir den ersten Fluss, der uns Richtung Süden begleitet: die Innerste, die dann in einer so genannten „Sackpiepe“ in die Leine mündet und uns einen herrlich ruhigen Frühstücksplatz bietet. Auf dem weiteren Weg kommen wir hoch zum Schloss Marienburg, die ersten Ausläufer des Deister gestatten einen weiten Blick ins Land. Ab jetzt wird der Weg anstrengend. In Salzhemmendorf befahren wir einen Wanderweg und haben auf Splitt- und Waldwegen große Steigungen zu überwinden. Bei der andauernden Wärme benötigen wir viele Trinkpausen. Und erst spät bemerken wir den Irrtum, allerdings führt er uns direkt zum Ockensener Wasserbaum, ein schon 1912 als Baum gestaltetes Ventil zur Stauseeregulierung. Der Ablaufbach ist ein großer Spaß für Kinder. Gleich im nächsten Ort die nächste Steigung. An der vielbefahrenen und sehr engen Straße weist ein Schild auf die 10%-ige Steigung hin. Wir befragen einen älteren Herrn, der beim Straßefegen gerade seine Katze verscheucht, ob es eine Alternative gibt und er schickt uns auf den Angerweg hoch zum Segelflugplatz. Es geht hoch, hoch und noch höher und plötzlich stehen wir praktisch auf dem Air Field. Das Betreten ist streng untersagt, obgleich eine Spur bergan direkt auf ein Flugzeug führt und nichts eingezäunt ist. Was tun? Wir trauen uns nicht, in den Flugverkehr einzugreifen und nehmen die nächste Steigung rechts herum in Angriff. Nach der langen und steilen Umrundung des Hügels treffen wir auf ca. 400 m Höhe seitlich auf das Flugzeug. Aber wo geht es wieder bergab? Zwischen zwei Gebäuden führt ein schmaler Wanderweg extrem steil durch Felsen und über knorrige Baumwurzeln abwärts. Hier ist kein Fahren möglich! Irgendwie verfrachten wir uns, die Räder und das Gepäck nach unten und bald geht es wieder aufwärts. Bei einer Rast kurz vor dem nächsten Campingplatz kommt ein älterer Herr angeradelt und informiert uns, dass es den anvisierten Platz nicht mehr gibt, weil der Besitzer verstorben ist. Wir haben schon einige Höhenmeter in den Beinen und sind entsprechend müde, aber jetzt müssen wir noch einmal „über den Berg“, um den alternativen Campingplatz im „Mammutpark“ zu erreichen. Das ist der Rekordtag mit 938 Höhenmetern – zur Regeneration geht es in ein griechisches Restaurant…

Nach einem großartigen „Türmchen“-Frühstück (auf einer Etagere angerichtet) beim ortsansässigen Bäcker in Stadtoldendorf am Dienstag schauen wir uns das Schloss Bevern an. In Holzminden kommen wir an die Weser. Dort gibt es eine Touristeninformation und die nette Dame dort erläutert uns ausführlich die Umleitung über das Weltkulturerbe Schloss Corvey. Das ist in dem Sinn keine Umleitung, denn im Schloss halten wir einmal mehr eine Trinkpause ab mit einem herrlichen Apfelsaft aus den Früchten des herzoglichen Gartens. Inzwischen haben wir das nächste Bundesland, Nordrhein-Westfalen erreicht. Auf dem Weser-Radweg Richtung Süden treffen wir auf eine Gruppe von 4 E-Bike-Fahrern. Sie sind sehr interessiert an unserem Woher und Wohin und schicken uns an der hoch über der Weser gelegenen Porzellanfabrik Fürstenberg vorbei bis Bad Karlshafen. Dort schwenken wir ab flussaufwärts an der Diemel entlang und haben Hessen erreicht. Kurz darauf fällt uns eine Werbetafel einer Straußenfarm mit Hofladen ins Auge und weil wir noch nichts eingekauft haben für den Abend, nichts wie hin. Der nette Farmer lässt uns auf seinen Hof und zeigt uns den Stall, in dem 51 Tiere Platz finden. Zwar hat er keine Nudeln mehr im Angebot, aber dafür einen Eierlikör aus Straußeneiern. Daran können wir nicht vorbei. Fun Fact: Es passen – vom Gewicht her betrachtet – ca. 25 Hühnereier in ein Straußenei! Kurz nach dem Besuch bei den Gefiederten die nächste Steigung an dem ansonsten recht gemütlichen Bahndammweg, mit der wir einen Tunnel umgehen. Oben angekommen weist ein Schild auf das Südportal des Tunnels hin. Nun sind wir neugierig. Räder abgestellt und die gewundene Treppe hinaufgestiegen und schon stehen wir vor einem imposanten Tunnelausgang. Er gehört zur Carlsbahn und ist der älteste Tunnel Hessens von 1846. Kurz darauf erreichen wir den nächsten Campingplatz in Trendelburg. Er ist idyllisch direkt am Mühlenbach und an der Diemel gelegen und wenn die Schwanenfamilie es zulässt, kann man sogar baden. Wir bekommen den Premiumplatz am Wasser zugewiesen und kommen im Verlauf des Abends mit den Nachbarn ins Gespräch, ein Paar aus Oldenburg, die schon seit Jahren kommen und eine Familie aus Wiesbaden, die auf dem Weg in die Ferien an die Ostsee ist. Wir genießen die Ruhe und Beschaulichkeit hier.

4. Teil: Von der Diemel bis an den Rhein

Wegen der angesagten hohen Temperaturen wollen wir am Morgen frühestmöglich starten und unterwegs frühstücken. Wieder nehmen wir die Fahrt auf dem ausgezeichneten Diemel-Radweg auf. Er führt uns durch gepflegte Dörfer bis nach Liebenau. Hier soll es laut Karte eine Einkehrmöglichkeit geben, allerdings handelt es sich um ein Restaurant, das erst ab 11 Uhr öffnet. So fahren wir den kleinen Dorfladen an und besorgen alles für ein Frühstück. Gestärkt geht es weiter und in Haueda erhebt sich über uns ein hohes Viadukt, das sich im ruhigen Wasser der Diemel spiegelt. Ganz verzückt sind wir von diesem Radweg, der uns immer weiter westwärts führt. Da der Fluss die Landesgrenze bildet zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen, geht es rüber und nüber. Das ist auch an den unterschiedlichen Radwegschildern zu erkennen: in Hessen sind sie grün, in Nordrhein-Westfalen rot. Nachmittags kommen wir durch Westheim. Dort ist ein Café ausgewiesen. Der gesprächige Wirt kommt vom Hölzchen zum Stöckchen und erzählt von den Adeligen der Gegend und den Erben. Er lässt auch die Geschichte der Apfelplantagen auf Streuobstwiesen nicht aus, für die neben der Saftgewinnung auch als Brachlandumwidmung Fördergelder kassiert werden. Der Apfelsaft schmeckt dennoch sehr gut. Schließlich überzeugt er uns, den Diemel-Radweg, der in diesem Jahr zum zweiten Mal prämiert worden ist, zu verlassen, um wieder in südliche Richtung zu kommen. Dazu geht es allerdings wieder einmal über den Berg. Wir erreichen die Schlossstadt Bad Arolsen und müssen erkennen, dass Zelter auf dem Campingplatz nicht erwünscht sind. Was tun? Kurzerhand buchen wir im Nachbarort Landau ein Hotelzimmer. Um dorthin zu gelangen, müssen wir auf einer Bundestraße ohne Radweg steil bergauf fahren. Und weil die Straße gut ausgebaut ist, fahren alle Fahrzeuge recht schnell an uns vorbei. Das ist streckenweise recht unangenehm, aber es gibt keinen anderen Weg. Es folgt eine Abfahrt mit 11 % Gefälle auf 600 Meter, auf der Dierk seinen Geschwindigkeitsrekord aus den Alpen einstellt. Ich hatte es befürchtet und tatsächlich: im Landau liegt das Hotel auch oben auf dem Berg! Ich hoffe, es gibt wenigstens etwas zu essen. Die niederländische Besitzerin ist sehr entspannt und führt uns erst einmal ihre alte Jukebox vor. Später bestellt sie für uns beim Lieferdienst eine Pizza mit, weil sie ihr Restaurant nicht öffnen kann.

Am 6. Tag der Reise brechen wir früh auf, zunächst um noch in Landau das schiefste bewohnte Fachwerkhaus Deutschlands und das Schloss mit dem Froschkönig-Märchenbrunnen zu bestaunen. Auf dem gut ausgeschilderten Radweg kommen wir an einem aus einem 4-armigen Baumstamm gestalteten Hochsitz vorbei. Im Dörfchen Selbach pausieren wir kurz. Es spricht jemand mit uns, den ich erst entdecke, als ich nach unten schaue: eine ältere Dame fegt in der morgendlichen Kühle ihre Kellerfenster ab und erzählt uns vom Viadukt am Ortsrand, das 28 Meter hoch ist. Das eindrucksvolle Bauwerk müssen wir anschauen. Der weitere Weg führt uns erst einmal wieder bergan nach Waldeck und wieder herunter zur Seilbahn am Eder-Stausee. In Landau schon hatte ein Gast davon gesprochen, dass wir nicht enttäuscht sein sollten, denn der See sei nur noch zu 40 % gefüllt. In der Tat sieht dieser riesige Stausee mit dem niedrigen Wasserstand etwas merkwürdig aus. Inseln ragen wie Berge aus dem See, oben drauf liegen Bojen. Dennoch sind Segelboote und auch Fahrgastschiffe unterwegs. Wir umrunden den Stausee auf der Südseite. Auf der Staumauer selbst und in den größeren Orten sind überraschend viele Touristen unterwegs. Es ist Mittagszeit und die relativ rar gesäten Lokalitäten sind brechend voll. Bei den vorherrschenden Temperaturen von über 30 °C sind wir froh über die Passagen, die durch den Wald führen. An einer solchen Stelle treffen wir auf 2 Radfahrer, die aus der Gegend stammen und uns erzählen, dass der See über längere Zeit mit großem Durchsatz in die Weser abgelassen wurde, damit das Dokumenta-Schiff – aus Berlin kommend – genügend Tiefgang hat. Wir sind trotzdem einigermaßen schockiert und fragen, wann denn der See wieder seinen normalen Wasserstand erreichen kann. Bei einem nassen Herbst sollte das schon zum Jahresende passieren, ist die Antwort. Das können wir kaum glauben. Übrigens sind die Kilometerangaben der beiden Herren zu den nächsten Orten auch eher geschmeichelt. Angeblich sollen wir in 8 Kilometern das „Nationalparkzentrum Kellersee“ erreichen, tatsächlich sind es fast 20 Kilometer. Wir biegen kurz vor dem westlichsten Punkt des Stausees wieder ab Richtung Süden und folgen der Eder und der Bahnlinie bis Frankenberg. In der Stadt findet gerade eine Veranstaltung mit Livemusik statt, wir besuchen aber den Burgberg, das 10-türmige Rathaus und das Steinhaus, bevor wir in die Fußgängerzone zurückkehren. Hier ergattern wir nach kurzer Diskussion mit der gestressten Bedienung „Wir machen an 20 Uhr nur noch Außer-Haus-Verkauf, aber wenn Sie eine Pizza wollen, können Sie reingehen“ einen Platz im Inneren der Osteria mit Blick in die Küche. Draußen sind alle Tische belegt und wir verstehen den Stress der Bedienung: sie arbeitet alles allein ab und der Koch in der Küche ebenso. Wir haben keine Eile und dürfen neben der Pizza sogar einen Salat bestellen. Der ist sehr delikat – und weil wir das Essen überschwänglich loben, bekommen wir noch das (angeblich fehlende) Pizzabrot mit Meersalz und Rosmarin – einfach köstlich. Das Gästeaufkommen nimmt im Laufe der nächsten Stunde ab. So hat der Koch am Ende sogar noch die Zeit, an unseren Tisch zu treten und ein bisschen aus seinem Leben zu erzählen. Interessant daran ist, dass er schon 60 Jahre alt ist, früher 2 Lokale mit Angestellten sein Eigen nannte und nun aus familiären und gesundheitlichen Gründen nur noch diese Osteria hat. Nebenbei unterhält er auf Sardinien noch eine Kochschule für straffällig gewordene Jugendliche, laut seiner Aussage hauptsächlich Mädchen, die dort das erste Mal Bestätigung für ihr Tun erfahren. Spannend, was man mit einem solch anspruchsvollen Job nebenbei noch leisten kann.

Der Freitag beginnt mit einem leckeren Kaffee und der Suche aus Frankenberg heraus zu einer Frühstücksmöglichkeit. An der schmalen Wetschaft entlang erreichen wir den Ort Wetter. Es fällt sofort auf, dass der komplette Ort festlich geschmückt ist: Blumenschmuck, Fähnchen und Wimpelketten überall. Dennoch ist zur frühen Stunde nicht viel los. Auf der Fahrt in die Ortsmitte treffen wir auf 2 ältere Einwohner und fragen gleich was es mit dem Schmuck auf sich hat. „Na, wir haben doch das Grenzegängerfest“ heißt es. Dabei gehen die Bewohner die Grenzen zu den drei umliegenden Gemeinden ab. Das Fest dauert bis Dienstag, vor 2 Tagen war der Auftakt und einen Ausklang gibt es auch. Schließlich findet das Fest nur alle 7 Jahre statt, das letzte Mal 2015! Beim Bäcker in der Nähe des Flusses setzt sich noch eine Frau an unseren Tisch und wir tauschen uns aus, wo jetzt genau die Grenze abgegangen wird heute und dass auch andere Orte dieses Fest begehen. Wir können nicht mitfeiern, sondern machen uns auf den Weg an die Lahn und über die Plaine bis Marburg. Sehr warm ist es wieder und in Bellnhausen sehen wir nicht nur Kamele auf einer Weide stehen, wir finden auch an einem größeren Bauernhof den Eierautomaten, in dem nicht nur Eier, sondern auch Fleisch, in Gläsern abgepackte Nudelsaucen – und höchst willkommen – superleckeres Eis ausgelöst werden kann! Am späten Nachmittag laufen wir einen Campingplatz in Gießen-Kleinlinden am Schwimmbad an. Heute wird nicht nur gekocht, beim lockeren Gespräch mit den Camper-Nachbarn wird am Abend auch der Eierlikör seinem Zweck zugeführt.

Für den heutigen Start fehlt uns ein Stück Karte. Nachdem wir uns aus der Stadt herausgegoogelt und einen kurzen Klönschnack mit einem Rentner gehalten haben, finden wir den Weg in die Wetterau. In Bad Nauheim wird die Beschilderung etwas unübersichtlich. An der Usa entlang durch einen Kurpark stehen wir plötzlich vor einem Gradierwerk. Auch hier sind einige Menschen unterwegs. Uns fallen Frauen im 60er-Jahre-Dress auf und amerikanische Straßenkreuzer. Dann sehen wir ein Plakat: es findet ein Elvis-Presley-Festival statt. Im angrenzenden Friedberg auf der Kaiserstraße gibt es dazu einen Open-Air-Tanzkurs im Rock ‘n Roll. Der Announcer sagt die Schritte für die Damen und die Herren an, die Tänzerinnen sind ebenfalls im Kleid mit Petticoat angetreten, die Tänzer als GIs verkleidet. Ob das eine Idee für unsere Tanzsparte wäre? Hier hat von den Zuschauern allerdings niemand Lust mitzumachen. Ob das an den vorherrschenden Temperaturen liegt oder ob die Kostümierung Respekt einflößt, können wir nicht sagen. Wir setzen unseren Weg fort und erreichen den nächsten Fluss in Assenheim. Auf dem gut ausgebauten Nidda-Radweg geht es munter voran, allerdings zunehmend in der Sonne und Trockenheit. Rechts grüßt der Taunus. In Karben ist eine Pause nötig und wir finden die wunderschön angelegte Außenterrasse eines Lokals. Sogar eine Beach-Ecke mit loungigen Paletten-Sofas und Liegestühlen im Sand gibt es. Wie aus Gesprächen am Nebentisch herauszuhören ist, hat der Wirt wohl eine Fußball-Oberliga-Vergangenheit und erzählt von Trainern und Spielern, die uns natürlich nicht viel sagen. Wir genießen die Fahrt auf dem Radweg sehr und entschließen uns, noch eine Schleife an der Nidda mitzunehmen, schon allein wegen des Namens des ausgeschilderten Dorfes: Dortelweil. In Bad Vilbel geraten wir im Park in eine Absperrung. Hier findet eine Veranstaltung statt und wir müssen durch die schon gut besuchte Fressmeile schieben, um dann – gemeinsam mit einem spanisch sprechenden Paar – vor einer Bahnbaustelle zu verenden. Es gibt zwar gelbe Radweg-Umleitungsschilder, aber sie sind nicht besonders eindeutig positioniert. Und dann geht es an einer vierspurigen Straße steil bergauf – ob das wohl richtig ist? Wir sehen keine gelben Schilder mehr, folgen aber dem Radweg in Richtung Frankfurter Berg, um die Stadt nördlich zu „umfahren“. Das ist ein Scherz, denn inmitten der zahllosen Straßen, Bahnwege, Bebauung und Baustellen fühlen wir uns ziemlich verloren. Als wir versuchen, uns an einer Gabelung zu orientieren, gibt es von einer genervten Autofahrerin hinter uns auch erst einmal die Hupe. Wir retten uns zum Kiosk gegenüber. Auf der angrenzenden Mauer sitzen schon am frühen Nachmittag 3 Bier trinkende Menschen. Wir holen uns Cola und Apfelschorle und begeben uns auf die andere Seite des kleinen Gebäudes. Dort sehen wir dann mit Entsetzen nicht nur die vielen angepinnten Zettel, die eindeutig auf eine Impf- und Regierungsgegnerschaft hinweisen, wir entdecken durch die geöffnete Hintertür des Kiosks auch eine böse Flagge. Als wir weiterfahren, ruft uns einer der Mauersitzer „Scheiß-Radfahrer!“ hinterher. Was für ein Tiefpunkt! Kurz darauf entdecken wir immerhin unsere gelben Umleitungsschilder wieder: Die Bahnbaustelle ist ungefähr 8 Kilometer lang! Und wir haben unsere Nidda wieder. Wir folgen ihr durch bekannte und unbekannte Frankfurter Stadteile in Norden und unter Brücken von Autobahnen und Autobahnkreuzen, die teilweise nur eine Durchfahrtshöhe von 1,60 m haben! Da ziehen wir automatisch die behelmten Köpfe ein. Dann knickt die Nidda in den Westen der Stadt ab und mündet an der Wörthspitze in den Main. Die letzten Meter bis zur Spitze folgen wir einem Radfahrer über eine Sandspur in der Grasfläche des Parks. Am Ende steht ganz idyllisch ein Angler; auf dem Wasser sehen wir nicht nur ein Hausboot und ein Restaurantschiff, sondern auch eine Fähre den Main kreuzen. Wir wollen mitfahren, auch wenn wir dann auf der falschen Seite sind. Die Brücke für den Rückweg ist nah. Ab hier ist Mainz und der Rhein ausgeschildert und wir umkreisen den Industriepark Höchst, in dem entlang des Wegs lauter Schilder „Privateigentum“ und „Betreten verboten“ aufgepflanzt sind. Kurz darauf werden wir auf einen Deich geführt und befinden uns in der direkten Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. Minütlich werden wir ab jetzt überflogen von teilweise großen Jets, die ihr Fahrwerk schon ausgefahren haben. Der Lärm der startenden und landenden Flieger ist schon erheblich, da kann die Fahrt durch die grünen Auen auch nicht ablenken. In der Ebene geht es aber flott voran. In Eddersheim schieben wir auf der Promenade kurz durch eine belebte Kirmes, in Flörsheim bestaunen wir den Mainstein, zwischen Hochheim und Kostheim ein beeindruckendes Brückenbauwerk und schon sind wir an der letzten Mainbrücke, um nach 120 Kilometern endlich den Campingplatz „Bleiaue“ von Ginsheim-Gustavsburg anzusteuern. Das war ein langer Tag. Der unkomplizierte Platzwart erläutert uns nur kurz die Gegebenheiten und meint zur Bezahlung „schmeißt mir morgen einfach 20,- Euro in den Briefkasten.“ Das Zelt steht, die Münzen für die Dusche werden direkt auf der tollen Zeltwiese bei einer indischen Familie gewechselt. Der nette Mann mit Turban klärt mich darüber auf, dass hier auch das Duschen mit Kaltwasser funktioniert. „Das geht auch ohne Euro.“ Die offene Atmosphäre unter den Zeltern fällt sofort auf, das bleibt auch so als sich die Wiese weiter füllt. Wir haben nichts eingekauft und erfragen daher den Weg zur nächsten Einkehrmöglichkeit. Der „Heurige“ ist mit dem Rad schnell erreicht und in einem zauberhaften Innenhof lassen wir uns unter lauter fröhlich schwatzenden Gäste den schmackhaften Flammkuchen und einen Schoppen Wein munden.

5. Teil Rheinaufwärts bis ins Elsass

Am Morgen gibt es nach dem reichhaltigen Mahl vor Vorabend ein kleines Frühstück mit Kaffee, Nüssen und Schokolade. Unsere Zelt-Nachbarn, die indische Familie, ist ganz begeistert von unseren kleinen Dreibeinhockern und fragt nach der Tragfähigkeit. Gegen 9 Uhr brechen wir auf und holen den Besuch an der Mainspitze nach. Am Ufer gegenüber liegt Mainz. Wir treffen auf ein Radfahrer-Paar, das aus der Maaraue kommt und ein Gespräch mit uns beginnt. Sie fotografieren uns vor dem Zusammenfluss von Main und Rhein mit dem Mainzer Dom im Hintergrund. Auf dem Rückweg, noch in Ginsheim, überrascht uns ein Schild „Historische Schiffsmühle“. Weil ich mir darunter nichts vorstellen kann, fahren wir vom Deichweg hinunter ans Wasser. Im Fluss liegt ein Schiff mit einem riesigen Mühlenrad. Offenbar hat es in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrerer solcher Schiffsmühlen für Roggen und Weizen im Rhein gegeben, die das Getreide nicht nur gemahlen, sondern auch gereinigt haben. Diese Schiffsmühle ist restauriert und ein Museum. Weiter führt uns der Weg auf dem Rheinhauptdeich bis nach Kornsand in der Hessenaue, wo wir nach einem kleinen Imbiss die Fähre nach Oppenheim nehmen wollen, um Rheinland-Pfalz zu erreichen. Am Anleger ist deutlich zu sehen, wie niedrig der Wasserstand ist. Ein Campingmobil fährt zwar noch vor zur Fähre, wird aber nicht mehr mitgenommen und der Kapitän selbst springt von der Brücke, um dem Fahrer zu erläutern, dass er momentan weniger Autos mitnehmen kann als die Fähre fasst. Auf der nächsten Überfahrt ist der Camper dabei und auch wir schieben an Bord. Allerdings kann die Fähre nicht ablegen und driftet nur langsam seitwärts. Mehrfach gibt der Kapitän Gas, aber das Schiff kommt nicht vom Ufer weg und droht gleich auf der Sandbank aufzusetzen, die rechts von uns schon aus dem Wasser ragt. Kurz kommt Hektik auf, ein Helfer schaut in den Maschinenraum. Und nachdem die ersten Fahrzeuge auf der Fähre ein Stück nach vorn gesetzt haben, schafft es der Kapitän, die Fähre in den Strom zu steuern. Was für ein Spektakel für 2,50 Euro! Auf der pfälzischen Rheinseite gibt es immer wieder Panoramablicke auf den Strom. Im Hamm finden wir das tolle Lokal „De Schambes“, das ein großartiges Motto verfolgt: „Wir essen lieber was Gutes als was Schlechtes – un lieber ab un zu emal e bissl zuviel als dauernd zu wenig!“ Wir fühlen uns total willkommen in dem liebevoll gestalteten Innenhof und der Bratenfleischsalat ist köstlich! Nach der Stärkung geht es weiter nach Worms. Dort beeindruckt uns die Nibelungenbrücke. Wie wir später recherchieren, ist sie jünger als gedacht, von 1951. Heute ist es wieder extrem heiß. In einer Frankenthaler Vereinsgaststätte am Wegesrand ist reichlich Betrieb und wir können eine Trinkpause einlegen. An einem Tisch sitzt ein Paar, zu dem wir uns gesellen dürfen und wir kommen mit ihnen schnell ins Gespräch. Wir erzählen vom geplanten Stopp am nächsten Campingplatz auf unserer Karte in Ludwigshafen, der „Blaue Adria“ heißt. Da bekommen wir erzählt, dass ein Arbeitskollege dem italienischen Kollegen weismachte, er würde über das Wochenende an die blaue Adria fahren. Der Italiener war sehr erstaunt und meinte, das würde sich doch für die 2 Tage gar nicht lohnen. Er wusste nicht, dass die „Blaue Adria“ am Rhein eine Art Freizeitpark ist. Nach einer größeren Odyssee mangels Beschilderung finden wir schließlich den Campingplatz. Die erste Zeltwiese ist schon ziemlich belegt und, wie auch die zweite, auf der wir uns schließlich niederlassen, total vertrocknet und staubig. Schon beim Zeltaufbau fällt uns ein älterer Radfahrer aufgefallen, der allein und mit ziemlich verbranntem Gesicht vor seinem Zelt hantiert. Ich spreche ihn an und erfahre, dass es ein Niederländer ist auf dem Weg von Prag nach Amsterdam. Er will auf jeden Fall noch nach Luxemburg. Das ist mein Stichwort, um ihm den großartigen Venn-Bahn-Radweg zu empfehlen, den wir vor 3 Jahren befahren haben auf dem Weg von Aachen nach Luxemburg. Schöne Erinnerungen, die gleich darauf einen Dämpfer erhalten, denn es gibt auf dem Platz offenbar nur 2 extrem winzige Duschkabinen im Damen-Häuschen, dafür kostet eine Duschmarke 1,50 Euro. Das bedeutet Anstehen zum Duschen, aber die Sozialstudien sind ein guter Zeitvertreib! Nur um meine Vorurteile bestätigt zu bekommen, teste ich es und natürlich funktioniert hier das Kaltduschen nicht und ich muss die teuerste Duschmarke der Tour einsetzen. Leider ist auch die Essenslage hier mehr als dürftig. Die 600 Meter bis zum Restaurant „Zander“, die die Dame an der Rezeption uns angibt, sind – wie sich später herausstellt – eine kolossale Fehleinschätzung: Wir wollen bei der kurzen Strecke die Räder stehen lassen und verenden nach ca. 20 Minuten Fußmarsch auf staubigen Straßen vor einem Hotel, zwar mit Restaurant, aber die darin feiernde Hochzeitsgesellschaft ist für uns geschlossen. Und es gibt keine weiteren Schilder oder Menschen auf der Straße, die man fragen könnte. Hier läuft man nicht, man fährt mit dem Auto! Genervt kehren wir zum Zelt zurück, knabbern unsere Not-Reserve auf und freuen uns auf das morgige Frühstück.

Das Zelt ist am Montag ruckzuck abgebaut. Zügig erreichen wir bei den morgendlichen Temperaturen Speyer und den bekannten Dom aus dem 11. Jahrhundert, das größte romanische Bauwerk überhaupt und seit 1981 UNESCO-Weltkulturerbe. Allerdings öffnen die Cafés in der direkten Nähe erst gegen 9.30 Uhr, aber wir finden eines etwas entfernt und stürzen uns auf Kaffee und belegte Brötchen. Der Weg zurück führt wieder am Domplatz vorbei, wo wir an gespannt Wartenden und einem Kamerateam vorbeigehen. Als ich laut vor mich hindenke „Hier passiert wohl gleich etwas:“ sagt einer der Umstehenden: Ja, heute ist Maria Himmelfahrt und gleich beginnt das Läuten zum Hochamt.“ Wir bleiben und hören den Glocken zu, die sicher in dieser Form nur an diesem Tag läuten. Das hat schon etwas Feierliches. Eine Einstimmung auf den nächsten Ort, den wir ansteuern, Germersheim, die Festungsstadt. Dort habe ich als Studentin fast 5 Jahre verbracht. Es hat sich extrem viel verändert in der Kleinstadt und ich erkenne zunächst nicht mehr viel wieder. Industriegebiete, Kreisel mit Kunstwerken in der Mitte, Unterführungen, ein Mordsverkehr und in der Stadt ist der komplette Straßenzug „An der Hochschule“ aufgerissen. Die Kneipen tragen jetzt ganz andere Namen. Ich versuche, von der Ludwigsstraße über den Königsplatz den Weg in die Bergstraße zu finden. Dort gab es damals in einem Wohnhaus diese ältere Dame auf einem Sofakissen über den Rahmen aus dem geöffneten Fenster lehnend, die das Geschehen auf der Straße verfolgte. Das war das Zeichen, in die Sandstraße abzubiegen und hinter dem damaligen chinesischen Restaurant das Kino zu finden, in dem – für uns Sprachstudenten überlebenswichtig – Filme in Originalsprache gezeigt wurden. Das Kino gibt es tatsächlich noch, es ist aber offenbar nicht mehr bewirtschaftet. Nostalgisch fotografieren wir das Lichtspielhaus als uns plötzlich ein Mann anspricht. Ob wir uns für das Kino interessieren? Als ich ihm erzähle, dass ich vor hundert Jahren oft Gast hier war, entwickelt sich ein langes Gespräch über das Kino, Demonstrationen, die Stadt und Sinn und Unsinn von Städteplanung. Der Mann ist der Besitzer des gegenüberliegenden Reisebüros, selbst ein in den Achtzigerjahren Zugereister, der leidenschaftlich alte Fotos aus Germersheim sammelt, sie für die Städter an seinem Geschäft ausstellt und sich in Bürgerinitiativen engagiert für den Erhalt älterer Gebäude – wie eben auch das Kino. Er überreicht uns noch eine Broschüre zu den Kunstwerken, von denen wir schon einige in der Stadt gesehen haben und erklärt, dass jeder Betrieb, der sich in Germersheim ansiedelt, ein Kunstwerk spenden muss. Das ist mal ein interessanter Ansatz – wie wohl das Kunstwerk von Amazon in Bad Oldesloe aussehen könnte? Wir radeln zurück zum Campus, zu früheren Wohnstätten und dann wieder hinunter zum Rhein und zur nächsten Pause an der Ziegelei. Leider ist die Fähre in Linkenheim wegen Niedrigwasser außer Betrieb, so kann ich den gewohnten Weg nach Karlsruhe durch den Hardtwald nicht einschlagen und wir müssen in Maximiliansau über die große Rheinbrücke hinüber nach Baden-Württemberg. Die Beschilderung funktioniert hier einwandfrei wir treffen pünktlich um 16 Uhr über teils sehr schön ausgebaute Fahrradstraßen bei unseren Freunden Claudia und Robert ein, mit denen wir einen großartigen und lustigen Abend im Garten der neu bezogenen Wohnung verbringen.

Am Morgen fällt der Abschied schwer an späten Vormittag machen wir uns auf den Weg weiter Richtung Süden. Auch hier müssen wir eine Umleitungsstrecke fahren und in Neuburg erfahren, dass auch hier die Fähre außer Betrieb ist. So wird der ursprüngliche Plan über Bord geworfen, von der Pfälzer Seite aus ins Elsass einzureisen. Es kommen etliche Radfahrer, die sehr enttäuscht wieder abdrehen. Einer von ihnen gibt uns den Tipp, dass die nächste Brücke sich in Winterdorf befindet, davor ist aber noch die nächste Baustelle am Hauptdeich zu bewältigen, die uns in großer Hitze über einen schattenfreien Splittweg führt. Zusätzlich ergibt sich die Aufgabe, eine Einkaufs- oder Einkehrmöglichkeit zu finden. Hinter Elchesheim treffen wir einen Radfahrer, der uns wegen der seiner Meinung nach schlechten Beschilderung bis über die Murg. Allerdings fahren wir kurz vorher an den Supermarkt heran und der Radler verabschiedet sich, nicht ohne uns für Plittersdorf noch einen Tipp zu geben: Dort soll es eine preisgekrönte Eisdiele geben. Die fahren wir selbstredend an und genießen wie einige andere Gäste ein Rheinschnooken-Eis auf der Bank vor der Tür. Die Schnook oder Schnake ist hier eine Stechmücke, die eine regelrechte Pest werden kann, so dass in feuchten Jahreszeiten mit Sprühflugzeugen Jagd auf sie gemacht wird. Momentan tauchen sie nicht auf, es ist viel zu trocken. In Wintersdorf fahren wir endlich über die Brücke auf die französische Seite und kurz darauf, in Fort-Louis, ziemlich genau an der Festung, haben wir die 1.000-Kilometer-Marke geknackt. Von dort geht es nur noch ein Dorf weiter, dann erreichen wir einen großartigen Campingplatz am Badesee. Wir bekommen für 13,- Euro ein Tortenstück auf einer runden Wiese, können noch Croissants und Pains au chocolat bestellen für den Morgen. Der junge Deutsche, der mit seiner Familie neben uns lagert, ist mit seinem SUP beschäftigt, das junge deutsche Pärchen auf der anderen Seite kocht sehr entspannt und hängt eine Lichterkette um den Essplatz, während das französische Pärchen am vorderen Rand noch etwas Hysterie verbreitet – sie haben als Lichtquelle einen beleuchteten Globus dabei…

In der Nacht gibt es etwas Nieselregen. Aber das Zelt trocknet in der Zeit bis die verspätete Boulangère die bestellten Croissants mit dem Lieferwagen auf den Campingplatz bringt, ein echt französisches Frühstück. Dann machen wir uns auf und entdecken in Offenheim eine subfossile Eiche, bei der wir einen kleinen Schauer abwarten. Der Fluss mit dem lustigen Namen Moder beherbergt ein Schifffahrtsmuseum – passend auf einem Schiff. Kurz darauf überqueren wir den Rhein auf einem interessanten Brückenbauwerk, das aus 3 Teilen besteht und eine Fischtreppe enthält, den so genannten Fischpass. Man darf nicht auf den Riesenschwall schauen, der neben der Fußgängerbrücke herabschießt, das erschwert es, geradeaus zu fahren. Wieder auf der französischen Seite fahren wir durch typisch elsässische Dörfer. Im Gambsheim vor dem Rathaus fällt ein in den Boden eingelassener Zeitstrahl auf, der die verschiedenen Bewohner des Ortes beschreibt, beginnend bei den Kelten. Später führt uns die Véloroute uns durch einen schattigen Wald und bald darauf erreichen wir Straßburg. Hier ist die Wegeführung an einer Stelle etwas uneindeutig und wir schlagen uns durch den Verkehr auf einer vierspurigen Straße südlich heraus immer in Richtung Iffenkirchen-Graffstaden (was für ein Name!). Wir kommen an einen Kanal – wunderschön im Schatten von großen Bäumen geht es zügig voran, rechts im Hintergrund die Vogesen, links der Schwarzwald. Es ist herrlich hier zu radeln. Erst in Obenheim verlassen wir den Kanal, um den Campingplatz in Rhinau anzusteuern. Der Platz scheint sehr gut besucht zu sein und schon am Eingang fallen diverse Entertainment-Möglichkeiten auf. An einem Stehtisch nimmt eine Gruppe einen Aperitif. Ich frage nach einem Platz für ein kleines Zelt und 2 Fahrräder und das erste Mal auf dieser Reise werden wir abgewiesen! Ob wir reserviert hätten? Nein, natürlich nicht. Die junge Frau an der Rezeption versichert sich noch, dass wir keinen Hund dabeihaben (auf dem Fahrrad?), dann schreibt sie mir die Adresse eines anderen Platzes auf, auf dem keine Hunde erlaubt sind – nur 500 Meter weiter im Ort. Weil wir schon schlechte Erfahrungen gemacht haben mit den Schätzungen von Rezeptionisten, fahren wir erst einmal ein Dorf zurück, um eventuell in der Auberge in Boofzheim unterzukommen, aber die ist nicht besetzt. Dann also doch der Ausweichplatz. Tatsächlich stimmt die Angabe und begeistert fahren wir auf eine Ferme. Im Gebäude nimmt uns eine junge Frau in Empfang und wir checken für 11,70 Euro ein. Ich bin total beeindruckt – der Bauernhof-Campingplatz hat eine Art kleinen Hofladen an der Rezeption und wir können lauter lokale Produkte einkaufen, Apfelsaft und sogar frische Eier! Auch die Sanitäranlagen sind hell, groß, recht neu und überzeugen. Schnell ist das Zelt aufgebaut und dann wird gekocht. Am späten Abend zieht das Wetter immer weiter zu und wir bereiten uns auf die angesagte Regennacht vor. Im Zelt erreicht uns ein Anruf aus der Heimat, der vom Unwetter zu Hause berichtet. Hier ist es immerhin nur Nieselregen. In der Nacht wache ich durch ein Platschen auf – an der Kopfseite liegt das Überzelt an und verursacht einen kleinen Wassereinbruch. Dierk korrigiert die Abspannung und wir können wieder schlafen.

Für die nächsten 3 Tage ist Regen angesagt. In einer Regenpause bauen wir das Zelt ab und fahren in den Ort in eine Boulangerie, wo wir ein Frühstück einnehmen und uns einrichten. Bis 10 Uhr bleiben wir, dann lässt der Regen nach und wir fahren wieder an den Kanal. In Marckolsheim wird vor den im Wasser wohnenden Schwänen gewarnt und tatsächlich sehe ich bei einem Fotostopp, wie sich ein Radler zu nach an Papa Schwan wagt und in Wadenhöhe angefaucht wird. In Artzenheim kommen wir an einer entzückend hergerichteten Schleusenhaus vorbei, der Garten ist traumhaft grün und blühend angelegt und kann besichtigt werden. Im Vorgarten ist noch ein Tisch für uns frei und wir teilen uns ein „Plat du jour“, liebevoll angerichtet mit essbaren Blüten und exzellentem Geschmack! Gut gesättigt geht es weiter am Kanal, ab jetzt führt die Beschilderung der Euro-Véloroute 15 von Ort zu Ort und an die Straße. An einem Parkplatz treffen wir einen Radler, der uns schon am Kanal aufgefallen war, weil er uns überholte, dann wir ihn und dann er uns wieder. Bei diesem Stopp sprechen wir ihn an. Er kommt aus Frankfurt und will nach Yverdon in die Schweiz. Er fährt ein neues Gravel-Cross-Bike und hat nur Sorgen damit: eine Speiche war schon gebrochen und der Sattel lässt sich nicht fest verschrauben, rutscht im Rohr. Für uns hat er noch einen Tipp: wir sollen über Délémont und Moutier fahren, das sei auch laut Komoot die einfachste Strecke. Dann saust er wieder los. Wir sehen auf dem weiteren Weg Bewässerungsrinnen und eine knallblau gestrichene Auberge. In Ottmarsheim nehmen wir ein Hotel. Hier ist die Essenslage eher desolat. Das Restaurant hat aus organisatorischen Gründen geschlossen, die Terrasse ist wegen der Wespen gesperrt und das Angebot im Spar eher dürftig. Ein bisschen Käse und Wein mit Weintrauben muss nach dem tollen Mittag reichen und wir setzen uns damit einfach vor das Hotel. Dann nähern sich zwei auf Deutsch schimpfende Paare. Es sind sehr aufgebrachte Pfälzer, die sich zu uns gesellen und ebenfalls Supermarkt-Fingerfood auspacken. Sie haben auf ihrer Cabrio-Tour 3 Stunden lang eine Einkehrmöglichkeit gesucht und sind ganz genervt. Spontan sind sie nach Colmar gefahren, die Weinprobe dort läuft auch nicht so ab, wie sie es aus der Pfalz gewohnt sind und nun gibt es nichts Vernünftiges zu essen! Auch wir erzählen von unserer Fahrt. Nach dem Essen wird die eigens im Auto mitgeführte Flasche Mithras-Wein geköpft und wir bekommen ein Glas ab. Am Ende können wir den Vieren noch den Tipp für das Restaurant „Coccinelle“ mitgeben, das am Donnerstag auf jeden Fall geöffnet hat.